Mein wahres Gesicht

Herr,
an diesem Abend spüre ich das Bedürfnis,
zu mir zu kommen,
denn ich war ja heute nicht ich selber —
wie so oft...


Du kennst mich, Herr;
Du weißt, daß ich nicht der bin,
den ich darstelle.

Du kennst mich durch und durch;
Du weißt, daß ich mehr scheine,
als ich bin.

Du kennst mich bis ins Innerste:
Du weißt, daß ich nicht so stark bin, wie ich mich gebe.

Du kennst meine Schwächen:
Du weißt, wie sehr ich mich bemühe,
sie zu überspielen.

Du kennst meine Maske:
Du weißt, daß ich nichts unversucht lasse,
mein Gesicht zu wahren.

Du kennst meine Fassade;
Du weißt, was ich alles tue,
um sie aufrechtzuerhalten.

Heute abend aber Herr,
möchte ich meine Fassade fallen lassen
und meine Maske ablegen.
Niemand sieht es —
außer Dir.
Aber Du kennst ja mein wahres Gesicht,
und ich hoffe,
daß Du mich dennoch magst...

(Aus: Ceelen Petrus / Carlo Carretto, Ehrlich vor Gott, Freiburg 1981 24f.)